Texte: Essay

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Die Tigerin von Tukucha, oder: Was Sie nicht sehen

Dieser Text rankt sich um die Photographieausstellung »Nepal« von Herbert Grammatikopoulos, die am 21. Juli 2019 im Theaterhaus Stuttgart eröffnet wurde. Er unterscheidet sich nur durch wenige Korrekturen von der Fassung, die ich auf der Vernissage vortrug.

Schloß Sigmundskron (Bild: Philipp P. Thapa)

Vor kurzem habe ich eine andere Ausstellung besucht, das Messner Mountain Museum auf Schloß Sigmundskron bei Bozen. Dort hat sich der Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messer selbst ein Denkmal gesetzt. In den Innen- und Außenräumen der spätmittelalterlichen Festung zeigt er unter anderem Reliefmodelle der Berge, die er bestiegen hat, Zeitschriftenartikel und Dokumente zu seinen Expeditionen sowie eine wandfüllende topographische Landkarte seines Seelenlebens. Mich zogen besonders die zahlreichen Exponate aus der Himalayaregion an. Wegen seiner vielen Achttausender bildet das Himalayagebirge ja soetwas wie den Mittelpunkt von Messners Lebenswerk. Als ich, am Ende meines eigenen bescheidenen Aufstiegs von der Tallage der Bozener Stadtmitte bis auf die Burgkuppe, im Innenhof einen schattigen Sitzplatz fand, der mich in die Gesellschaft mehrerer menschengroßer Götter- und Dämonenfiguren im Himalayastil brachte, fühlte ich mich wie in einem Stück Heimat angekommen.

Reinhold Messner gehört zu denjenigen, die den Himalaya ins Interesse der Weltöffentlichkeit gerückt haben, und besonders Nepal, das Land des Mt. Everest. Doch Messners Blick ist eben der eines Bergbegeisterten. Die Landstriche, in denen Menschen leben, sind ihm nur das, was vor dem Basislager kommt. Wer aber in Nepal lebt, der neigt dazu, von seinem Haus und Hof aus zu denken, vom Heimatdorf oder der Heimatstadt aus, und diese liegen in den allermeisten Fällen weit unterhalb der Gipfel, im subtropischen Hügel- und Tiefland, wo die weltberühmten Bergpanoramen oft genug von der nächstliegenden Waldkuppe verdeckt werden.

Auch unter den Landschaftsphotographien, die Sie hier, in dieser Ausstellung, zu sehen bekommen, herrschen Gipfelmotive vor. Was Sie nicht sehen, das ist zum Beispiel eine typische zentralnepalische Siedlungslandschaft wie im südlichen Teil des Distrikts Gorkha, wo ich letztes Jahr zum ersten Mal das Stammdorf unserer Familie besuchte. Der Ausblick geht von dort nicht in Richtung Hochgebirge, nach Norden, wo er ohnehin am bewaldeten und bewohnten Hügelhang endet; sondern er öffnet sich in die südlichen Richtungen, wo die Landschaft von allen Seiten zu einem starken Fluß abfällt und reich strukturiert ist durch Wald, Wege, Fels, Felder und Siedlungen. Es ist ein Land, wo Mandarinen blühen, wo auf Selbstversorgergrundstücken Reis, Mais und wärmeliebende Gemüse wuchern und ein Vorfahr im ganzen Dorf soviele Mangobäume pflanzen ließ, daß heute ein Gutteil der alljährlichen Fruchtschwemme auf dem Boden verfault. Es ist das Kernland des einstigen Königreichs Gorkha, aus dem die heutige Bundesrepublik Nepal hervorging, es war ein Kerngebiet der maoistischen Rebellion um die Jahrtausendwende, und ein Teil davon soll in den nächsten Jahrzehnten mitsamt Feldern, Dörfern und Tempeln unter dem Wasser eines Stausees verschwinden, der der Stromerzeugung vor allem für die wachsenden Großstädte Nepals dient. Es ist eine Landschaft voller Geschichte, Geschichten und Leben, vieltausendmal dichter als in der Todeszone der ikonischen Hochgebirgsgipfel.

Das Gleiche, noch gesteigert, ist von der Mehr-Millionen-Metropole Kathmandu zu sagen. Die meisten Tempelbauten, historischen Fassaden und kunsthandwerklichen Details, die Sie hier auf Photographien sehen, liegen eingebettet in ihr lautes, massenmäßiges und maschinisiertes Getriebe, bestenfalls in den Ruhepolen, um die es wirbelt, oft aber nur um eine Gesichtswendung daraus entrückt. Was Sie nicht sehen, das sind die Beton-und-Glas-Fassaden der neuen Tempel von Konsum und Finanz, die Massen von Motorfahrzeugen in den verbreiterten Straßen, die jungen, englisch geschulten Großstadthipster und -hipsterinnen in Jeans und T-Shirt, die mit einem Frappuccino vor sich am iPhone ihr Twitter-Profil pflegen. Wobei Sie nicht wissen können, ob diese Leute nicht in Wirklichkeit gerade mit einem Überlandbus vom Dorf eingetroffen sind.

Was Sie hier erst recht nicht sehen, ist das, was Sie nicht hören oder riechen. Selbstverständlich sind die großen öffentlichen Rituale, die auf einigen Photos aufblitzen, ohne Musik und Klang kaum nachzuvollziehen, und viele Feste werden erst recht festlich durch Gerüche wie die von in Fett ausgebackenen Süßigkeiten, besonderen Bohnensuppen oder dem Blut der Opfertiere. Mir selbst ist vor allem das helle Bimmeln eines kleinen Glöckchens im Ohr, das bei meinen Aufenthalten in Kathmandu über Jahre hinweg allmorgendlich aus dem Nachbarhaus herübertönte und mir erst so richtig das Gefühl gab, wiederangekommen zu sein. Auch meine Großmutter, die meistens in Chitwan wohnte, schlug bei ihrem Morgenritus so ein Glöckchen, dessen Klang sich mit dem Duft der Räucherstäbchen verband. Doch die gewohnheitsfeste Nachbarin habe ich nie zu Gesicht bekommen. Was wir nicht sehen, kann dennoch bleibende Spuren hinterlassen.

Und Sie sehen hier so vieles nicht! Fast nichts! Wenn Sie aus dem, was Sie hier sehen, die nepalische Wirklichkeit nachbauen sollten, käme nicht einmal ein Gerüst oder ein zusammenhängendes Eckchen zustande. Was diese Bildausschnitte zusammenhält, was sie an einem bestimmen Platz im Weltgefüge bindet, ist also das, was Sie nicht sehen.

Nehmen Sie die Bilder mit den Elefanten. Jeden Morgen, wenn sich in Kathmandu auch unsere Nachbarin regt, brechen im Tiefland von Chitwan Elefanten mit Führern und Touristen auf dem Rücken zu Dschungeltouren auf. Was die Touristen zu sehen und zu photographieren hoffen, sind Wildtiere: Vögel, Rehe, Affen, Nashörner, Krokodile – vor allem aber Tiger. Tiger leben zweifellos in Chitwan. Sie hinterlassen Trittspuren, Schlafkuhlen und Beutereste. Sie gehen in Kamerafallen. Doch nicht nur die Touristen werden fast immer enttäuscht. Manche Wildhüter können die Tatzenabdrücke namentlich einzelnen Raubkatzen zuordnen, haben aber in jahrzehntelanger Arbeit noch keinen einzigen Tiger selbst im Gelände gesichtet. Dennoch erklären diese Tiger, die auch Sie hier nicht sehen, zu einem großen Teil, weshalb sich Menschen mit ihren Elefanten überhaupt um diesen Landstrich kümmern.

Wenn wir also sagen, ein Tiger sei das Ungesehene, das einen Ort, subjektiv wahrgenommen, zu dem macht, was er ist, dann muß auch die ungesehene Nachbarin, die meine Kathmanduer Nachbarschaft mit ihrem Morgenklingeln erhellt, für mich ein Tiger heißen: die Tigerin von Tukucha.

Wenn ich meine Überlegungen bis hierhin zusammenfasse, so ist folgendes herausgekommen: Sie sehen in dieser Ausstellung so gut wie nichts. Bei dem, was Sie sehen, ist das, was Sie nicht sehen, viel wichtiger. Und viele wichtige Dinge können Sie auch mit Glück niemals in einer Photoausstellung abgebildet finden, weil sie andere Sinne als das Auge ansprechen. Das wirft die Frage auf, warum Sie nicht gleich wieder nach Hause gehen sollten. Aus dieser Grube, die ich mir selbst gegraben habe, muß mir ausgerechnet ein Reinhold-Messner-Zitat emporhelfen, das ich von Schloß Sigmundskron mitgebracht habe. Es lautet: »Ich wollte einmal hoch hinaufsteigen, um tief in mich hinabzusehen.«

Das bedeutet: Es geht beim Bergsteigen nicht um den Berg und dessen Besteigung. Es geht um die Erfahrung des Bergsteigers mit sich selbst. Und diese Erfahrung hat zwei Schichten: Die erste ist die Schicht der unmittelbaren Wahrnehmung – ich am Berg, ausgesetzt einer Umwelt, den Reaktionen und Zuständen meines Körpers, den Verformungen, die mein Denken erfährt, wenn ich an meine Grenzen und darüber hinausgehe. Die zweite Erfahrungsschicht öffnet sich, wenn ich das Ich, das diese Erfahrungen macht, nicht mehr ganz mit dem Ich zur Deckung bringe, für das ich mich vor dem Bergaufstieg gehalten habe.

Dementsprechend muß es beim Betrachten dieser Ausstellung nicht um Nepal und die großen inhaltlichen Zusammenhänge gehen. Es geht um die Erfahrung, die Ihnen, gerade Ihnen persönlich, beim Betrachten der Bilder zustößt. Was entdecken Sie in dem Augenblick und Weltausschnitt, den diese Photographie einfängt? Wie spielen Raum, Objekte und Licht, Flächenaufteilung, Formen und Farben zusammen? Wie verbindet sich all das über die einzelnen Bilder hinweg in Reihen und Konstrasten, Punkten und Kontrapunkten, auch mit anderen Bildern, die Sie anderswo gesehen haben? Und wieso nehmen Sie gerade das wahr, was Sie wahrnehmen? Nutzen Sie die Gelegenheit, in die Spuren von Generationen von Nepalreisenden zu treten und einmal weit in die Ferne zu schauen, um dort sich selbst zu entdecken.

Doch glauben Sie dabei keinen Augenblick, daß hier, in dieser Ausstellung, keine Tiger lauern, nur weil Sie sie nicht sehen.

Ich wünsche Ihnen einen spannenden Rundgang.